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Tag: Hunger

Wenn essen nicht „gut und günstig“ ist

Es sei dahin gestellt wie man zu Discounter steht. Ob man ethische Zweifel hegt, wenn man Fleisch für ein paar Euro bekommt, oder eben nicht. Ob man dann ganz darauf verzichtet oder zum Metzger geht, wo man hofft „ethisch korrekte“ Ware für mehr Geld zu bekommen. Es sind aber solche Entscheidung, die viel mehr beeinflussen, als man sich vielleicht eingestehen möchte.

Die Fleischproduktion verschlingt Unmengen an Wasser und Futtermittel, die benötigt werden dieses Luxusgut herzustellen. Für viele Menschen auf der Welt ist es unerreichbar, eine Weltversorgung mit Fleisch scheint unmöglich. Doch fordert diese Unmengen an Futtermittelbedarf -gepaart mit Schocks, wie den momentan anhaltenen Dürren in den USA – Engpässe der Grundnahrungsmittelversorgung auf dem ganzen Globus.

Wie die Weltbank aktuell berichtet, steigen die Lebensmittelpreise in astronomische Höhen. Allein im Juli verteuerten sich Nahrungsmittel um zehn Prozent.

„Der Preis für Weizen und Mais erhöhte sich von Juni auf Juli um jeweils 25 Prozent, der für Sojabohnen um 17 Prozent. In einigen Ländern seien die Preise besonders stark in die Höhe geschossen: So sei in Mosambik der Preis für Mais innerhalb eines Monat um 113 Prozent gestiegen.“ (Tagesschau)

Meldungen über Preisanstiege (Hirse) über 220 Prozent im Südsudan, lässt die humanitäre Folgen nur erahnen. Wenn dazu noch Preistreibereien durch Spekulanten an den Rohstoffbörsen dieser Welt kommen, wird der buchstäblicher der Kampf ums Überleben in den ärmsten Regionen der Welt verschärft.

Dazu tragen wir sicherlich einen gehörigen Teil dazu bei. Nicht nur mit Subventionen, Einfuhrbeschränkungen etc. – sondern auch mit unserer täglichen Entscheidung vor der Ladentheke.

Foto: Janos Balazs

Gute Ernte, trotzdem Hunger?!

Da Entwicklungsländer immer mehr dazu „genötigt“ werden ihre Anbauflächen für die Produktion für den Weltmarkt zu nutzen, bleibt der Eigenbedarf allzu oft auf der Strecke. So müssen diese Länder schlussendlich sogar noch Lebensmittel teuer importieren, um eine gewisse Versorgung der eigenen Bevölkerung überhaupt zu ermöglichen. Paradox.

Eine zentrale Rolle nimmt das Getreide ein, wenn es um die Grundversorgung der Menschheit mit Nahrung geht. Zwischen 1996 – 2005 stieg die Getreideproduktion aber nur um knapp über 6 Prozent, während parallel die Weltbevölkerung um mehr als 10 Prozent wuchs; und bei dieser Tatsache ist auch kein Gegentrend zu erkennen. Die landwirtschaftliche Erträge stagnieren in den Industrieländern, aber auch in den Entwicklungsländer hat sich die Zuwachsrate verlangsamt.

Dennoch gab es laut FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO) im Jahr 2009 die zweitbeste Getreideernte aller Zeiten. Somit könnte man meinen, dass sich doch etwas in Sachen „Hunger“ verbessert – doch weit gefehlt. Es fehlt dank den globalen Krisen Geld, um an Lebensmittel zukommen. Anstatt für sich selbst zu produzieren und nur einen potentiellen Produktionsüberschuss auf dem Weltmarkt anzubieten, wird meist die gesamte Produktion auf den Weltmarkt angepasst; um später wieder einen Teil (teuer) zu reimportieren.

In Ländern mit niedrigen Einkommen werden 46 Prozent des Haushaltseinkommen für Nahrungsmittel ausgegeben, unter den Ärmsten sogar bis zu 80 Prozent. In reichen sind es dagegen nur 12 Prozent.

Wie soll dieses Problem des Hunger beseitigt werden, bzw. wie soll der immer weiter wachsende Hunger gestillt werden? Hier sind mögliche „Ansätze“, wie es eigentlich nicht geschehen sollte:

  • „Genmanipulation“ durch multinational Konzerne wie Monsanto
  • Im groß-industriellen Maßstab Agrarbau betreiben; führt einerseits zur Zerstörung der Umwelt und zweitens zur Arbeitslosigkeit vieler Menschen
  • Mögliche Subventionen bzw. Einfuhrzölle; zerstören nur den („fairen“) Wettbewerb und benachteiligen in starken Maße „schwächere“ Nationen am Weltmarkt partizipieren zu können und ihre eigene Bevölkerung zu fairen Preis ernähren zu können

Vor allem der letzte Punkt zeigt eines der Hauptprobleme: Die Abhängigkeit von Entwicklungsländer von Nahrungslieferungen aus den Industrieländern. Das liegt besonders daran, dass sie sich viel schlechter als z.B. die USA/EU vor herunter subventionierten Importen schützen können. Zwar ist immer die Rede von Aufweichung von schädlichen Handelsbarrieren, doch gilt dies scheinbar nur für die Entwicklungsländer und die Industrieländer blockieren weiter ungehindert.

Nötig wäre vielmehr eine Regulierung des Handels, die auf Ernährungssouveränität basiert, das heißt auf dem Recht, den eigenen Binnenmarkt zu schützen, um eine ökonomische, sozial und ökologisch nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten.

In so einem „Abkommen“ müssten festgelegt werden, dass vor allem benachteiligte Entwicklungsländer Anspruch auf bevorzugten Zugang haben, sobald sich zeigt, dass steigende Exporte den Kleinbauern zugutekommen und nicht die benachteiligten Verbraucher bestrafen.

Nur eine auf „Ernährungssouveränität“ basierende Landwirtschaftspolitik und der globalen Regulierung des Handels würde die Möglichkeit bieten, die Menschen zu ernähren. Z.b. ist die Spekulationsmöglichkeit auf Lebensmittel ein Spiel mit dem Feuer. Man kann sogar sagen, ein Spiel um Leben und Tod, wenn Preise künstliche in die Höhe getrieben werden und mit Nahrung spekuliert wird. Anderseits sollte jedes Land wenigstens eine Mindestreserve an Lebensmittel vorhalten (bzw. sollte ermöglicht werden), um Schwankungen in der Ernte etc. kompensieren zu können. Grundlegend muss sich auch etwas am gesamten Lebensstil von uns allen ändern. Durch den enormen Konsum von v.a. Fleischprodukte werden Unmengen an Ressourcen verbraucht, die irgendwann einfach nicht mehr ausreichen werden, um den Jetzt-Zustand zu erhalten.

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Quelle: Atlas der Globalisierung 2010, Forum für internationale Agrarpolitik, Jahresbericht der Welthungerhilfe 2008

Links:
  • Welthunger-Index 2009 (welthungerhilfe.de): Statistiken und Daten, interaktive Schaubilder, besonderen Bezug „Die Rolle der Frau“
  • UN World Food Program: Allgemeine Einführung und Information über die weltweite Hungerbekämpfung

Der Hunger ist geblieben

In einem Gastbeitrag der Zeit greift Ralf Südhoff die prekäre Situation der Welternährung auf. Besonders die aktuellen Katastrophen zeigen laut Südhoff wieder zeigen wieder einmal:

Wir brauchen eine Wende in der Agrarpolitik. Nur so kann der Hunger weltweit effektiv bekämpft werden.

Der Preis für Weizen ist in Europa und angrenzenden Länder alleine im Juni um 50 Prozent gestiegen. Auch die Spekulationen um lebenswichtige Nahrungsmittel nimmt immer weiter zu, der Spekulationspreis an einer der wichtigsten Börse in Chicago nahm den höchsten Wert seit über 60 Jahren an.

Die Preisentwicklung zusätzlich verschärfen werden die sinkenden Weizenexporte der großen Exporteure wie USA und Kanada. Ein kompletter Wegfall der Exporte könnte aus Russland drohen.

Die Nahrungsmittelpreise liegen seit Langem wieder auf fast epochalen Höhen: Der UN-Index für die weltweiten Nahrungsmittelpreise stand im ersten Halbjahr 2010 nur rund 14 Prozent unter seinem Rekordwert von 2008 und damit fast doppelt so hoch wie noch im Jahr 2000. In vielen Entwicklungsländern sind die Folgen dramatisch: In Tadschikistan lag der Weizenpreis schon Anfang des Jahres mehr als 100 Prozent über dem Durchschnitt der Vorkrisenzeiten. In Sri Lanka sollen die Ärmsten der Armen für Reis mehr als das Doppelte bezahlen, genau wie in Benin, wo Hirse sogar mehr als das Dreifache kostet.

Das alles führt sogar zu einem Anstieg der Hungerenden, alleine 2009 sind 100 Millionen Menschen dazu gekommen.

Ein eindringlicher Beitrag der eben beweist, dass nicht alles besser wird.

Wir müssen alle dringend verstehen, dass die Welternährungskrise nie beendet war. Sie ist seit 2008 eine Dauerkrise und die humanitäre Herausforderung für die nächsten Jahrzehnte. Nur wer das begreift, kann den Hunger besiegen.

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